Zärtlich spielen


Das bestimmende Spielsystem der WM scheint der Ballbesitzfußball zu sein: ein Vorteil für die Südamerikaner. Sie halten den Ball so lange, bis der Gegner Fehler macht.

Im Haus von Uruguays Trainer Oscar Washington Tabárez hängt ein Poster, auf dem steht: "Wir müssen stark werden, ohne unsere Zärtlichkeit zu verlieren". Das Zitat wird Che Guevara zugeschrieben und weist Tabárez als einen Vertreter der großen Tradition nach links tendierender südamerikanischer Fußball-Intellektueller aus.

Vor allem aber fasst es zusammen, wie seine Mannschaft bei dieser WM spielt. In der Abwehr sind die Uruguayer so stark, dass sie auf ihrem Weg ins Viertelfinale nur ein Gegentor kassiert haben. Doch sie konzentrieren sich keinesfalls allein auf die Defensive. Sie attackieren mit Stil und Eleganz und lassen dabei Ball und Gegner laufen. So gewinnt Uruguay auf einmal wieder Spiele bei einer WM - in den 40 Jahren zuvor gelang das dem Weltmeister von 1930 und 1950 nur einmal, 1990 gegen Südkorea.
Neben den traditionellen Titelkandidaten Argentinien und Brasilien präsentieren sich auch Paraguay und Chile bei dieser WM so stark wie nie. Alle südamerikanischen Mannschaften haben sich für das Achtelfinale qualifiziert. Das alte Dogma "Eine Weltmeisterschaft ist eine Europameisterschaft plus Brasilien und Argentinien", sie gilt nicht mehr. Nun wird viel gemutmaßt, woran das liegen könnte. Die Spekulationen reichen vom Gewöhntsein an die südafrikanische Höhenluft über das Wetter auf der Südhalbkugel bis zum Biojahresrhythmus. Überzeugender ist aber ein Blick auf die Spielweise dieser Teams. Denn die ähnelt sich bei allen.

Der britische Journalist Jonathan Wilson beschreibt Fußball als die Manipulation des Raums, in dem er gespielt werden kann. Aber Raum gibt es bei dieser WM herzlich wenig. Vor allem die Europäer konnten ihn gegen die fast bei allen Teams disziplinierten Verteidigungsreihen kaum finden. Wie es geht, zeigen die Teams aus Südamerika. Am anschaulichsten war das beim Spiel Chile gegen die Schweiz zu sehen, deren Verteidigungskünstler selbst die Spanier verzweifeln ließen.
Zuerst nutzte Chile die gesamte Breite des Spielfelds. Ihre Außen lauerten auf Steilpässe der zentralen Mittelfeldspieler, deren Aufgabe es war, den Gegner auf sich zukommen zu lassen, sodass Lücken entstehen. Als das nicht so richtig funktionierte, stellte Chile um und begann Kurzpässe zu spielen mit einer derartigen Präzision und Schnelligkeit, dass die gut organisierten Schweizer zu Fehlern gezwungen wurden. Geduldig rüttelten die Chilenen so lange am Schweizer Schloss, bis es endlich gebrochen war und Ottmar Hitzfelds Team sein einziges Gegentor der WM kassierte. Diese Fähigkeit, mitten im Spiel die Taktik komplett zu ändern, ging Mannschaften wie Frankreich oder Italien komplett ab und begründete ihr Ausscheiden. Ihr Spiel wirkte steif, leicht zu lesen, wie schwere Tanker, die, einmal in Bewegung, ihren vorgefertigten Kurs nicht mehr ändern können. Noch vor vier Jahren aber bestritten diese beiden Teams das Endspiel der Weltmeisterschaft in Deutschland. Was ist also geschehen?
Bis vor Kurzem schien das Wichtigste im Fußball das sogenannte Umschalten von Angriff auf Verteidigung zu sein. Ballbesitz war verpönt. Jürgen Klinsmann sprach, als er die deutsche Nationalmannschaft übernahm, nur noch vom "vertikalen Spiel". Nach der Balleroberung sollte sofort Tempo aufgenommen werden, der noch unorganisierte Gegner mit schnellen Pässen überrumpelt werden. In Südafrika spielen die meisten europäischen Teams immer noch so. Sie warten in der eigenen Hälfte auf die Fehler des Gegners, um ihn dann überfallartig auszukontern. Spielt der Gegner aber selber kompakt und konzentriert auf die Defensive, funktioniert das nur mehr bedingt. Hier sind Mannschaften gefragt, die den Ball so lange laufen lassen können, bis sich eine Lücke auftut.

Auch in Europa sind die Mannschaften, die diesen Stil pflegen, mittlerweile die erfolgreichsten: Spanien und der FC Barcelona. Solange man selbst den Ball hat, kann der Gegner kein Tor schießen: Dieses Diktum von Johann Cryuff, das die niederländische Legende in seiner Zeit als Trainer des FC Barcelona von 1988 bis 1996 etabliert, ist dort bis heute Gesetz. Allerdings hat José Mourinhos Inter Mailand im letzten Champions-League-Halbfinale gegen Barcelona und im Endspiel gegen das ebenfalls auf Ballbesitz bauende Bayern München noch einmal mit dem schnellen Umkehrfußball triumphiert, aber bei dieser WM scheint sich endgültig wieder der kombinationssichere Ballbesitzfußball durchzusetzen.

Die Südamerikaner haben den großen Vorteil, dass sie bei dieser WM nicht auf einen so formidabel organisierten und auf die Spielzerstörung abgestimmten Gegner wie Inter Mailand treffen werden. Aber Argentinien und Brasilien sowieso, aber auch Uruguay, Chile und Paraguay propagieren eine andere Spielphilosophie: Sie wollen dem Gegner ihr Spiel aufzwingen. Und dafür müssen sie den Ball so lange wie möglich halten. Bei dieser WM hat von ihnen allein Uruguay nicht regelmäßig den höheren Ballbesitz als der Gegner gehabt. Wenn diese Teams den Ball verlieren, setzen sie alles daran, ihn möglichst schnell wiederzubekommen. Jeder ballführende Spieler des Gegners gerät unter permanentes Pressing.

Bemerkenswert, dass der paraguayische Trainer Gerardo Martino selbst nach dem Sieg über die Slowakei seine Mannen kritisierte: "Wir haben nur noch lange Bälle nach vorne geschlagen. So wollen wir nicht spielen."
Für das auf Ballbesitz orientierte Spiel braucht man das passende Spielermaterial. Und genau das haben die Südamerikaner. Wie bei den Spaniern sind es kleine, wendige Typen mit einem niedrigen Körperschwerpunkt, die die hünenhaften europäischen Verteidiger ausspielen können. Und sie haben das gewisse Extra, den kreativen Funken. Nichts ist so destabilisierend für eine Verteidigung wie ein Dribbler, der in einem Augenblick zwei bis drei gegnerische Spieler ausspielen kann. In Europa wird ja schon seit Langem der Verlust des Straßenfußballers beklagt. Die europäischen Teams wirken wie eine Ansammlung der Produkte ihrer Nachwuchsakademien: technisch durchaus stark, aber meist ohne jenes Esprit, der nicht gelehrt werden kann.
Spieler wie Argentiniens Lionel Messi, Chiles Alexis Sánchez oder Uruguays Luis Suárez dagegen sind noch mit zwanglosem Fußball aufgewachsen, gespielt auf engem Raum mit kleinen Toren. Nun spielen aber viele von ihnen in Europa, wo sie ihren Feinschliff in Sachen Taktik und körperlicher Fitness bekommen haben. Messi, aufgewachsen auf den Straßen Rosarios und ausgebildet in der Akademie des FC Barcelona, ist der Prototyp dieser Spieler.

Doch auch die Südamerikaner, die nicht in Europa spielen oder sogar dort ausgebildet wurden, sind zwar immer noch kleiner, aber genauso fit wie die Europäer. Oder, um es mit Che Guevara zu sagen, sie sind stärker geworden, ohne ihre Zärtlichkeit verloren zu haben.

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die tageszeitung
2010-06-28

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